Arcade Fire // Reflektor

Arcade Fire Reflektor CoverAls Arcade Fire erstmals auf der musikalischen Landkarte erschienen, waren sie ein Geheimtipp. Ihre  EP ‚Arcade Fire‘ (2003) ließ ein Raunen durch die Reihen der Kritiker und Indie-Pop-Fans ziehen. Spätestens ein Jahr später war mit ihrem Debüt ‚Funeral‘ klar, dass die Kanadier so viel kompositorische Eigenständigkeit mitbrachte, wie schon lange keine Band mehr.

Theatralisch, melancholisch, bombastisch und live fast ein Naturereignis. Ihre Karriere wurde zu einem Triumphzug. Vom Geheimtipp sind sie in schnellster Zeit zum Headliner erwachsen und fanden zahlreiche Nachahmer ihres Sounds. Nach zwei weiteren großartigen Alben sind die Kanadier längst nicht nur Kritikerlieblinge sondern eine musikalische Großmacht, die auch im Mainstream angekommen ist. Jetzt kehren sie mit ‚Reflektor‘ zurück.

Sie sind an dem Punkt, an dem Radiohead nach ‚Ok Computer‘ waren, und ‚Reflektor‘ wirkt nicht nur daher ein wenig wie ihr ‚Kid A‘. Denn obwohl sie sich im Prinzip treu bleiben, was die düsteren Thematiken ihrer Songs angeht, brechen sie musikalisch teilweise zu überraschenden neuen Gefilden auf. Arcade Fire sind plötzlich sehr tanzbar.  Die 80er, 70er Glamrock und moderne Indie-Dance-Musik bereichern nun das bandeigene Portfolio. Es lässt sich nicht leugnen, dass ihr neuer Co-Producer James Murphy (LCD Soundsystem) deutliche Spuren im Sound hinterlassen hat. Das Gute ist, dass diese neue Tanzbarkeit mit der eingangs erwähnten musikalischen Intensität gepaart bleibt, die Arcade Fire seit den ersten Songs ihrer Karriere auszeichnete. Eine große, eine musikalisch relevante Band erkennt man daran, dass sie sich weiterentwickelt, den Mut hat sich in neue Herausforderung zu stürzen und dabei sogar noch besser zu werden. Das ist der Band rund um  das Ehepaar Win Butler and Régine Chassagne mit diesem Doppelalbum auf hohem Niveau gelungen.

‚Reflektor‘ ist ambitioniert und erschließt sich zum Teil nicht sofort. Es fordert heraus mit seinen Songs die nicht selten die Sechs-Minuten-Grenze überschreiten.  Haitianische Südsee-Steeldrums und 80er-Pop-Referenzen und dazwischen Post-Punk-Ausbrüche – es gibt viel zu entdecken auf dieser musikalischen Achterbahnfahrt.  Die neuen Arcade Fire sind Disco mit Anspruch oder auch ein Epos in Partyverkleidung. Denn unter den Synthies und Beats, hinter dem Glitter und Glamour schlummern auch immer noch nachdenkliche, lyrische Texte inklusive Verweisen in die griechische Mythologie. Selten war der Dancefloor intellektueller. Und ganz nebenbei rockt die Band auch plötzlich los. Krachend und verstörend – wie eine Mixtur aus Velvet Underground und Davie Bowie in seiner „Scary Monster“ Phase. Letzterer  – einer der Fans der ersten Stunde – ist übrigens auch in Person mit an Bord. Er singt im Titeltrack, der das Album auch  eröffnet, die Backgroundvocals.  Muss man noch viel mehr sagen? Díeses Album ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Veröffentlichungen des Jahres und entlohnt für die Wartezeit.

Arcade Fire – Reflektor (Vertigo/Universal) 2 LP 3752119 / CD 3752118 // ab 25.10.2013 im Handel

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Arcade Fire (Foto: Korey Richey)