Paolo Nutini // Caustic Love

Paolo Nutini Caustic Love CoverBarga muss ein wirklich schöner Ort sein. „Dort laufen die Leute stets mit einem Lächeln auf dem Gesicht herum“, sagt Paolo Nutini, dessen Vorfahren aus der kleinen italienischen Gemeinde in der Toskana stammen. „Barga ist von Kommerz und Konsum noch völlig unberührt. So als wäre die Zeit stehen geblieben. Das Leben dort hat nichts mit dem in der Stadt zu tun, mit all den Problemen, Sorgen und dem Stress.“

Um sich nach seinem letzten, immerhin fünf Jahre zurückliegenden Album „Sunny Side Up“ eine Auszeit zu gönnen, zog Nutini sich deshalb für ein paar Monate nach Barga zurück. Zu lange war er auf Tournee gewesen, er spürte wie ihm persönliche Beziehungen entglitten und er sehnte sich nach etwas Normalität. „Das klingt im Nachhinein so dramatisch“, sagt er mit breitem, schottischen Akzent. „Aber im Grunde trifft es das. Ich genieße es unterwegs zu sein und mich ständig in neue Abenteuer zu stürzen, ich kann das allerdings nur für eine gewisse Zeit tun, bevor ich nach Hause zurückkehren und mich meiner Familie widmen muss.“

In Italien, aber auch im schottischen Paisley genoss Nutini also das ganz normale Leben. „Ich habe viele lange Nächte mit meinen Freunden verbracht“, erzählt er. „Ich bin mit dem Hund Gassi gegangen, habe mit meiner Oma alte Filme geguckt, im Park Fußball gespielt oder bin einfach mit dem Auto durch die Gegen gefahren.“ Und so ganz nebenbei schrieb Nutini dann das bisher beste Album seiner Karriere. „Caustic Love“ heißt es und klingt selbstbewusster und ambitionierter als alles, was der 27-Jährige zuvor gemacht hat. Beispiel gefällig? Einer der beeindruckendsten Songs ist zweifellos das geradezu bedrohlich klingende „Iron Sky“. Zu einem schleppenden Soul-Beat singt Nutini mit rauer Stimme von Flammen und Religion, Macht und Freiheit. Dann plötzlich ertönt eine verzerrte Lautsprecherstimme. „You, the people, have the power to make this life free and beautiful, to make this life a wonderful adventure. Let us use that power. Let us all unite“, proklamiert sie. Jene Zeilen stammen aus der Abschlussrede in Charlie Chaplins Nationalsozialismus-Satire „Der große Diktator“ und leiten das dramatische Ende von Nutinis bisher politischstem Song ein.
„Die Idee dazu kam mir, als die Aufstände in London passierten“, erklärt er. „Damals dachte ich das sei der Anfang, als nächstes marschieren die Leute zur Downing Street. Ich glaube eines Tages wird das wirklich passieren – und es wird nicht angenehm.“ Überraschende Worte von dem Mann, der auf seinem Debütalbum noch Zeilen wie „I put some new shoes on and suddenly everything is right“ sang? Nun ja, ‚Caustic Love‘ ist auch sonst voll mit Überraschungen. Im Eröffnungsstück „Scream (Funk My Life Up)“ spielt Nutini mit Funk-Elementen, „Diana“ kommt leicht jazzig daher und die Blues-Nummer „Fashion“ singt Nutini zusammen mit Janelle Monáe. Am Ende kann man ‚Caustic Love‘ ohne schlechtes Gewissen als kleines Meisterwerk bezeichnen. Und dabei klingt es so zeitlos, es würde vermutlich gut nach Barga passen.

Paolo Nutini – Caustic Love (Warner) 2LP 2564631229 / CD 2564631230 // ab 11.04.2014 im Handel