Tori Amos // Unrepentant Geraldines

Tori Amos Unrepentant Geraldines CoverLeichter Pop, ohne sich im Mainstream zu verlieren, hier und da einen Hauch Klassik: Tori Amos hat nicht nur die Wildheit und Exzentrik alter Tage abgelegt, auch musikalisch gibt sie sich gemäßigter und verpasst damit ihrem Sound eine ganz persönliche Note.

Ein hipper Club in Berlin-Mitte. Tori Amos stellt ein paar Stücke ihres Albums ‚Unrepentant Geraldines‘ live vor. Sie begleitet sich am Flügel, ab und zu hämmert sie mit einer Handfläche rhythmisch auf das Instrument ein. Gebannt hören die geladenen Gäste ihr zu. Mit Erstaunen stellen sie fest: Die Singer/Songwriterin hat ihre alte Wildheit abgelegt. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, einzig ihre Brille verleiht ihr eine gewisse Exzentrik. Auch musikalisch gibt sie sich gemäßigter. Sie lässt ihren neuen Liedern eine poppige Leichtigkeit angedeihen, ohne in den Mainstream abzudriften. Gelegentlich schiebt sie ihren Nummern mit ihrem Bösendorfer einen sanft klassischen Einschlag unter, was wohl der Zusammenarbeit mit dem Metropole Orchestra auf ihrem letzten beziehungsweise dem Austüfteln von Variationen auf die Werke einiger Klassikkomponisten auf ihrem vorletzten Album geschuldet sein dürfte. So bekommt der Sound der Amerikanerin einen eigenen Twist. „Maids Of Elfen-Mere“ klingt irgendwie märchenhaft, bei „Promise“ tut sich die Künstlerin mit ihrer Tochter Natashya – sie hat eine ebenso hinreißende Stimme wie ihre Mutter – zum Duett zusammen. Die beiden fesseln mit Gesängen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen.

Ob ihr Sprössling später einmal in Tori Amos‘ Fußstapfen treten wird, steht allerdings noch in den Sternen: „Tash erlebt ja hautnah mit, wie unglamourös das Musikerdasein im Grunde ist. Gerade das Touren erfordert unheimlich viel Disziplin, weil man nie lange an einem Ort bleibt.“ Trotzdem will die 50-Jährige ihren Job nicht an den Nagel hängen. Im Gegenteil: Sie macht unbeirrt weiter, um dem Jugendwahn im Popgeschäft die Stirn zu bieten: „Leider trauen die Plattenbosse Frauen in meinem Alter nicht mehr allzu viel zu. Dabei sind wir doch genauso kreativ wie die Jüngeren.“
Sie selbst ist das beste Beispiel dafür. Voller Elan arbeitete sie an ihrem Musical „The Light Princess“, das im vergangenen Jahr in London Premiere hatte. Parallel dazu gab sie Konzerte und schrieb die ‚Unrepentant Geraldines‘-Songs: „Ich betrachte sie als klangliche Schnappschüsse, die exakt das widerspiegeln, was ich beobachtet habe.“ Besonders gesellschaftliche Phänomene interessieren die Sängerin mit den feuerroten Haaren immens. Darum hat sie sich in dem Titel „Rose Dover“ mit dem Erwachsenwerden beschäftigt: „Die Kindheit endet für die meisten Jungen und Mädchen schon mit 14, 15. Bereits in diesem Alter müssen sie die Weichen für ihr späteres Berufsleben stellen.“ Tori Amos betrachtet das als enorme Herausforderung: „Einige Teenager überfordert es schlichtweg, so viel Verantwortung wie ein Erwachsener tragen zu müssen.“

Tori Amos – Unrepentant Geraldines (Mercury Classics/Universal) 2LP 002894810903 / Del. Ed. (CD+DVD) 002894810902 / CD 3768884 // ab 09.05.2014 im Handel