Herbert Grönemeyer // Dauernd jetzt

Herbert Grönemeyer Dauernd jetzt CoverSeit zweieinhalb Jahren lebt Herbert Grönemeyer wieder in einer Beziehung, er sei sehr glücklich, verriet er in einem Interview. Überraschend ist es also nicht, dass er der Liebe viel Raum gibt auf ‚Dauernd jetzt‘, seinem vierzehnten deutschsprachigen Studioalbum.

„Fang mich an“, eine spärlich instrumentierte Fast-Ballade, dürfte ebenso von der neuen Partnerin inspiriert sein wie das elegante, schöne, von der akustischen Gitarre geprägte Stück „Ich lieb mich durch“. „Oh Oh Oh, ich lieb mich durch zu dir“, singt Grönemeyer, und das „Oh Oh Oh“ klingt dabei exakt so, wie es seit 35 Jahren bei ihm klingt. Kein Zweifel: Die Liebe ist zurück im Leben des Mannes, dessen Schicksal so bewegte – 1998 starben binnen weniger Tage sein Bruder und seine Frau Anna Henkel an Krebs, aus der Trauer entstand das Album ‚Mensch‘, das sich in Deutschland 3,7 Millionen Mal und damit so oft wie kein anderes in der Chartgeschichte verkaufte. Wie immer spürt der Musiker, der seit ‚4630 Bochum‘ (1984) sämtliche Alben auf Platz eins setzte, den sogenannten Befindlichkeiten der Deutschen nach. „Der Löw“ zum Beispiel, gemeint ist Jogi, ist der Song zum WM-Titel. „Ich habe mich tierisch gefreut“, so Grönemeyer, der ja schon 2006 mit „Zeit, dass sich was dreht“ WM-Erfahrung sammelte. „Aus dem Euphoriegefühl nach dem Brasilien-Halbfinale schrieb ich einen Text mit allen 23 Namen drin, nach dem Finale fand ich den aber peinlich und schrieb ihn um.“

Auf zwei Liedern begibt sich Grönemeyer mitten ins gesellschaftlich-soziale Getümmel. „Uniform“ ist eine Art Kampflied gegen die Entblößungsgeilheit im Internet. „Erst der Mythos macht den Menschen schön“, glaubt er und befürchtet, dass Macher in den Internetfirmen „machtwahnsinnig werden, obwohl sie wie entspannte Nerds wirken.“ Grönemeyer selbst sei weder bei Facebook noch sonstwo und verbiete seinen Kindern, „dass sie Badehosenfotos von mir posten“. An seiner Wut über die iTunes-Aktion seines Freundes Bono hält er fest. „Man darf Musik nicht verschleudern, sondern muss deutlich machen, dass sie einen Wert hat.“ Für den meisten Gesprächsstoff dürfte „Unser Land“ sorgen, Grönemeyers kritische Uptempo-Liebeserklärung an Deutschland. „Wir sind als Land jetzt 25 Jahre alt und aus der Pubertät raus“, findet Grönemeyer, „wir müssen uns der Beziehung zu unserem Land mit all seinen Ecken und Macken stellen.“ Eine Art Ruck-Song zum Silbernen Einheitsjubiläum also, wobei die junge Generation eh schon weiter sei. „Die denken alle schon total europäisch“, hat er beobachtet. Der Hit auf ‚Dauernd jetzt?‘ Eher nicht „Morgen“, die recht ruhige, erste Single, auch wenn sie innig ist und erneut der Liebe huldigt. Vielleicht „Verloren“, eine traurige Ballade im Elton-John-Stil, auf der Grönemeyer mit besonders tiefer Stimme singt. Eventuell auch „Einverstanden“, ein griffiger Positive-Gefühle-Song, geschrieben von Ruhrgebietsgenossin Annette Humpe. Am prägnantesten und rockigsten jedoch ist „Wunderbare Leere“. „Der Inhalt entspricht meinem Lebensgefühl“, sagt Grönemeyer. „Ich war sehr zum Leidwesen meiner Eltern nie der Mensch, der einen Plan hatte. Ich kann wunderbar müßiggehen und unheimlich gut rumsitzen. Meine Art zu leben ist es, den Moment zu genießen und das Glück einfach mal dauern zu lassen.“

Herbert Grönemeyer – Dauernd jetzt (Vertigo/Universal) 2LP 4704667 / Ltd. Special Edition 4704666 / CD 4704665 // ab 21.11.2014 im Handel