Mark Knopfler // Tracker

Mark Knopfler Tracker CoverEine kleine Straße im Londoner Stadtteil Chiswick. Von außen wirkt das sandsteinfarbene Gebäude eher unauffällig. Nur ein winziges Schild an der Tür weist darauf hin, dass sich hier Mark Knopflers British Grove Studios verbergen, mit dem wir gleich über sein neues Album ‘Tracker’ reden werden. An diesem sonnigen Wintertag hat der Musiker allerdings nicht in sein Allerheiligstes geladen, um die technischen Finessen von zwei Vintage-EMI-Mischpulten bis modernen ATC-Lautsprecherboxen mit Surround-Effekt zu präsentieren. Er will über sein Album ‚Tracker‘ reden. Zum Interview empfängt er in einem lichtdurchfluteten Raum im ersten Stock, der spärlich möbliert ist. Ein kleiner Tisch trennt zwei bequeme Ledersessel, an der Seite steht ein Klavier. Oben an der Wand hängt eine Uhr im Retrolook – sie ist der ganze Stolz des Hausherrn: ein Originalstück aus den 60er Jahren. „In meiner Jugend entdeckte ich so ein Modell in dem Gitarrenladen in Newcastle, wo mein Dad für mich mein erstes Instrument erstanden hat“, erinnert sich Knopfler. Für den 15-Jährigen war sie das Coolste überhaupt: „Ich hätte diese Uhr wahnsinnig gerne gehabt, sah aber keine realistische Chance, sie zu kriegen. Weil ich dachte: So etwas Schönes kann sich nur ein Gitarrenhändler leisten.“

Bei ihm reichte es damals bloß für eine Höfner-Gitarre für 15 Pfund, die aussah wie eine Stratocaster. Inzwischen besitzt er natürlich etliche Originale, darunter eine weiße 1965er-Stratocaster, die er auf seinem neuen Album mit Slide-Technik gespielt hat. So ist ein Sound entstanden, der sich irgendwo zwischen Roots-Rock und Folk bewegt. „Laughs and Jokes and Drinks and Smokes“ mutet dank der Fidel wie ein traditionelles Volkslied an. Ein Saxofon veredelt „River Towns“. Bei „Mighty Man“ gesellen sich Akkordeon und Flöte dazu. „Wherever I go“ wird mit Unterstützung der The-Wailin‘-Jennys-Sängerin Ruth Moody zu einer anrührenden Ballade. „Broken Bones“ schlägt einen Bogen zu JJ Cale. „Beryl“, eine Hommage an die britische Schriftstellerin Beryl Bainbridge, knüpft an die frühen Dire Straits an: „Ich wollte einfach, dass Musik und Inhalt perfekt zusammenpassen.“

Das bedarf zumindest hierzulande einer Erklärung. Die Autorin war – genau wie Knopflers ehemalige Band – in den 80er und 90er Jahren sehr populär. Bloß schaffte sie es, im Gegensatz zu den Dire Straits, auf der Erfolgsleiter nie nach ganz oben. Sie war zwar für ihre historischen Romane fünfmal für den Booker Prize nominiert, ging aber letztlich immer leer aus. Was da schiefgelaufen ist, liegt für Knopfler auf der Hand: „Beryl stammte aus dem Liverpooler Arbeitermilieu. Allein deswegen konnte sie sich nicht gegen ihre männlichen Kollegen durchsetzen, die in Oxford studiert hatten.“ Diese Ungerechtigkeit bringt den 65-Jährigen, der eigentlich ein ruhiger, ausgeglichener Zeitgenosse ist, richtig in Rage: „Ich finde es so unfair, dass nicht mal Beryls Verleger wirklich an ihre Werke geglaubt hat. Zum Glück leben wir jetzt in einer anderen Zeit, und sie gilt inzwischen zu Recht als nationales Heiligtum.“

Mark Knopfler – Tracker (Virgin/Universal) 2LP 4716982 / Ltd. Super Deluxe Box (4CD+DVD) 4716983 / Ltd. Del. Ed. 4716979 / CD 4712928 // ab 13.03.2015 im Handel