Blur // The Magic Whip

Blur The Magic Whip CoverSag niemals nie: Nach 12-jähriger Plattenpause melden sich die Brit-Pop-Pioniere von Blur mit einem ehrgeizigen, aber wohl auch einmaligen Spätwerk zurück. Denkwürdiger Titel: ‚The Magic Whip‘.

Wobei man sich erst mal vor Augen führen muss, wie erfolgreich und relevant das Quartett Mitte der Neunziger war: Als ungekrönte Könige des Brit-Pop lieferten sich Blur einen erbitterten Medienkrieg mit den Kollegen von Oasis und veröffentlichten Album-Klassiker wie „Parklife“ oder „The Great Escape“. „Eine irre Zeit“, sinniert Gitarrist Graham Coxon heute. „Doch irgendwann wurde uns der Rummel zu viel und wir brauchten ein paar Veränderungen.“ Weshalb das Quartett zunächst mit Lo-Fi und Alternative-Rock, später mit Electronica und Worldbeat experimentierte, ehe es für sechs Jahre getrennte Wege ging. Eine Zeit, in der Sänger Damon Albarn Erfolge mit den Gorillaz feierte, Drummer Dave Rowntree sein Jurastudium beendete, Bassist Alex James eine Käsemanufaktur eröffnete und Coxon als Maler und Solist aktiv war. „Als wir wieder zusammenkamen, wollten wir eigentlich nur ein paar Gigs spielen und Spaß haben“, so der Mann mit der Hornbrille, „ein neues Album war nicht geplant.“ Das ergab sich eher zufällig, während eines fünftägigen Tourstopps in Hongkong, den man nutzte, um in einem kleinen Studio zu jammen. „Es war ein sehr intensiver, kreativer Moment. Aber danach sind die Bänder ins Archiv gewandert und würden da wohl immer noch liegen, hätte ich mich nicht 18 Monate später so gelangweilt, dass ich dachte: Warum hörst du dir die Aufnahmen nicht mal genauer an?“

Was der 46-Jährige mit Produzent Stephen Street (The Smiths) in Angriff nahm und auf einen echten Schatz zwischen New Wave, Dub, Garagen- und Krautrock stieß. „Wir mussten das nur noch in Form bringen und ein paar Overdubs hinzufügen. Dann haben wir es Damon vorgespielt, der begeistert war.“ Kein Wunder: ‚The Magic Whip‘, frei nach einem chinesischen Feuerwerkskörper, ist einerseits typisch Blur, andererseits aber auch anspruchsvoller, erwachsener und sozialkritischer als seine sieben Vorgänger. „Es geht um die Studentenproteste von 2014, das Regime in Nordkorea, die Menschenrechtsverletzungen in Saudi Arabien und die globale Überbevölkerung. Deshalb hat das Ganze so eine morbide, klaustrophobische Grundstimmung. Fast wie Bowie zu seiner Berlin-Zeit. Ich bin jedenfalls wahnsinnig stolz darauf – genau wie auf die beiden Konzerte, die wir im Juni im Londoner Hyde Park spielen.“

Ob Blur das Werk auch auf deutsche Bühnen bringen bzw. ob es noch weitere Tonträger geben wird, hält Coxon indessen für unwahrscheinlich: „Ich glaube nicht, dass da noch mehr kommt. ‚The Magic Whip‘ ist ein reines Zufallsprodukt – und ein schöner Schlusspunkt. Besser kann es gar nicht werden.“ Und wie stellt er sich das Rentnerdasein vor? „Ich werde malen und Saxofon lernen“, so der zweifache Vater. „Alles Dinge, die man zu Hause machen kann – noch so ein Trip nach Hongkong wäre mir viel zu stressig.“

Blur – The Magic Whip (Parlophone/Warner) 2LP 2564614171 / CD 2564614169 // ab 24.04.2015 im Handel