Florence + The Machine // How Big, How Blue, How Beautiful

Florence + The Machine How Big, How Blue, How Beautiful CoverDie Frau ist eine Erscheinung: Riesengroß, lange feuerrote Haare, und dann trägt Florence Welch auch noch einen riesigen schwarzen Hut auf dem Kopf, als wir sie zum Interview im edlen „Covent Garden“ in London treffen, um uns über ihr drittes Album zu unterhalten. „Nachher auf dem Nachhauseweg werde ich bestimmt ganz oft angesprochen, denn der Hut, den ich auch im Video zu ‚What Kind Of Man‘ trage,  wird mich natürlich nicht verstecken, sondern zu erkennen geben.“

Florence Welch ist also wieder da. Die Alben  ‚Lungs‘ (2009) und ‚Ceremonials‘ (2011) machten die Tochter einer Uniprofessorin zum coolsten Popstar Großbritanniens. Florence verkaufte eine Menge Platten, bekam einen „Brit Award“ für das „Album des Jahres“, und wurde zugleich von den Kritikern bejubelt – keine selbstverständliche Mischung. „Meine Karriere war ein Wirbelwind“, sagt sie selbst. Die Songs und die Stimme der schillernden und auf eine bodenständige Weise kapriziösen Florence erinnern an Kate Bush, speziell die ruhigen Nummern auf ‚How Big, How Blue, How Beautiful‘ wie „St. Jude“ oder „Queen of Peace“ auch an Annie Lennox. In starkem Kontrast zu den Vorbildern jedoch liebt Welch das wilde Leben. „Im Nachtleben verfüge ich über enorme Kapazitäten“, sagt sie diplomatisch. „Ich musste lernen, meine Partymomente weiser auszuwählen.“

2013 zog sie sich zurück. Eine Pause musste her, keine Partys, keine Tourneen, sie wollte das Leben auf die Reihe kriegen und dann entspannt ein neues Album schreiben. Soweit der Plan. Nun ja, er ging nicht auf. Die theatralischen, für ihre Verhältnisse rockigen, gitarrenlastigen neuen Stücke wie „What Kind Of Man“ legen  musikalisch Zeugnis ab von der Unruhe, die die Musikerin weiterhin umklammert hält. „In mir steckt die Fähigkeit, Dinge zu erschaffen sowie die beträchtliche Fähigkeit, diese Dinge auch wieder kaputt zu machen.“ Statt ihre wacklige Liebesbeziehung also in ruhige Bahnen zu lenken, würgt Welch sie ab. „Was für ein Drama! Rückblickend hat es mir gut getan, auseinanderzufallen und mich neu zusammensetzen zu müssen.“

Um zusammen mit dem Deutschen Markus Dravs (Björk, Arcade Fire) den neuen Longplayer zu schreiben und zu produzieren,  ging Florence eine Zeit lang nach Los Angeles. Aber auch in LA grübelte und haderte sie munter weiter, schrieb in guten Momenten euphorische Songs wie das Titelstück, in weniger guten aggressive Stücke wie „Ship To Wreck“. „Ich habe echte Schwierigkeiten damit, wichtige Dinge zu den Menschen zu sagen, zu  denen ich diese wichtigen Dinge sagen sollte. Also stecke ich mein ganzes Innenleben in die Songs.“ Was auf Dauer auch verrückt mache.

Doch noch ist Florence nicht verloren. Los Angeles tat ihr gut, auch wenn sie dort nicht leben möchte. Kalifornien hat den Sound beeinflusst, ihn rockiger gemacht. Und als sie wieder heimkehrte, fasste Florence endlich den Mut, zuhause auszuziehen. „Mit Mitte, Ende 20 lernte ich die Grundlagen: Schlafen, essen, nicht das Haus verwüsten, nicht das Leben verwüsten. Wenn dein Leben ein Chaos ist, kannst du nicht immer nur in die nächste Stadt fahren, das nächste Konzert spielen und damit alles vergessen machen. Du musst das Chaos auch einfach mal aushalten.“

Florence + The Machine – How Big, How Blue, How Beautiful (Island/Universal) 2LP 4724495 / Ltd. Del. Ed. CD 4723605 / CD 4723606 // ab 29.05.2015 im Handel