Lindemann // Skills in Pills

Lindemann Skills in Pills CoverMan sieht auf den ersten Blick: Till Lindemann, Frontmann von Rammstein, und Peter Tägtgren, Sänger der Bands Pain und Hypocrisis, sind zwei völlig verschiedene Typen. Der Deutsche trägt beim Interview in einem Berliner Hotel einen grauen Anzug, sein schwedischer Kollege zieht den Metaller-Look vor: Lederjacke, schwarze Klamotten, lange Haare. Doch die Zwei, die jetzt ihr erstes gemeinsames Album veröffentlichen, unterscheiden sich nicht bloß rein äußerlich. Tägtgren mag Krach. Ob im Studio, zuhause oder im Auto – er dreht Musik stets bis zum Anschlag auf: „Das ist wie eine Droge für mich.“ Vorm Schlafengehen legt er sich gern noch mal ein AC/DC-Album auf. Für Lindemann wäre das ein Albtraum. Daheim hört er höchstens Klassik oder Salsa, er braucht abseits der Bühne Ruhe: „Ich liebe Stille.“

Darum machte er mit einem Freund eine dreiwöchige Kanutour durch Alaska und Kanada: „Wir haben uns fernab der Zivilisation bewegt. Nur einmal sind wir anderen Paddlern begegnet.“ Abgesehen vom Rauschen des Flusses oder gelegentlichen Regenschauern gab‘s überhaupt keine Geräusche. Einerseits war das schön, andererseits empfand der 52-Jährige die Einöde manchmal als beängstigend: „Wenn während unserer Reise etwas schiefgegangen wäre, hätten wir ein Problem gehabt. Keiner hätte uns helfen können.“

Zum Glück ergab sich kein Notfall. Im Gegenteil: Lindemanns Kreativität wurde angekurbelt, er schrieb unterwegs den Text für den Song „Yukon“, aus dem Tägtgren eine pathetische Ballade mit einem Klavierintro und Streichern machte. Dieses eher ruhige Stück ist nicht unbedingt repräsentativ für ‚Skills in Pills‘, das gemeinsame Album der beiden unter dem Namen Lindemann. In der Regel hat sich das Duo härteren Klängen verschrieben. Gewaltige Gitarrenriffs treffen auf martialische Beats. Lieder wie „Ladyboy“ oder „Cowboy“ könnten sich ohne weiteres in einen Rammstein-Langspieler einfügen – abgesehen davon, dass Lindemann nicht mehr auf Deutsch singt, sondern auf Englisch.

In seinen Titeln steckt viel schwarzer Humor – mal sind sie ironisch, mal sarkastisch. „Ich wollte die Leute aber nicht bewusst zum Lachen bringen“, sagt Lindemann. „Schließlich bin ich kein Komiker.“ Witzig ist er dennoch, wenn er sich mit Tägtgren im Gespräch die Bälle zuspielt. Die beiden sind seit fast 15 Jahren befreundet, kennengelernt haben sie sich in einer Metal-Bar in Stockholm, wo der Schwede den Deutschen vor einer Prügelei bewahrte. Sie blieben in Kontakt, irgendwann beschlossen sie, gemeinsam eine Nummer aufzunehmen. „Wir hatten eigentlich keine Platte geplant“, erklärt Tägtgren. „Doch dann folgte ein Song auf den nächsten.“

„Praise Abort“ wird vermutlich manchen Katholiken erzürnen. Zu ernst sollte man die Geschichte um einen Familienvater, der seine sechs Kinder loswerden möchte, allerdings nicht nehmen. Lindemann hat halt einen speziellen Humor. Zugleich ist er ein kritischer Beobachter, wie das Lied „Skills in Pills“ beweist. „Wir leben in einer merkwürdigen Zeit“, ereifert er sich. „Es gibt Menschen, die sich über illegale Drogen aufregen – obwohl sie den ganzen Tag irgendwelche Pillen nehmen.“

Dagmar Leischow

Lindemann – Skills in Pills (Warner) LP 2564611184 / Ltd. Super Deluxe (CD) 2564611186 / Special Edition (CD) 2564611187 / CD Digipak 2564614273 // ab 19.06.2015 im Handel