Keith Richards // Crosseyed Heart

Keith Richards Crosseyed Heart CoverDamit hätte wohl niemand mehr gerechnet: 23 Jahre nach seinem letzten Alleingang ‚Main Offender‘ legt der Stones-Gitarrist tatsächlich ein drittes Soloalbum vor. Wie es klingt? Genau wie man es von ihm erwartet! Das stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Foto, welches das Artwork von ‚Crosseyed Heart‘ ziert, spricht Bände: Es zeigt den 71-Jährigen so, wie er ist – als Rock´n´Roll-Zombie mit tiefen Gesichtsfurchen, die von wüsten Exzessen und geballter Lebenserfahrung zeugen. Aber eben auch mit einem echten, einem herzlichen Lachen. Nichts Gestelltes, nichts Falsches, sondern „the real thing“. Das gilt im selben Maße für die Musik, die erneut mit den X-Pensive Winos (Steve Jordan, Ian Neville, Waddy Wachtel) entstanden ist: Da zieht Richards das komplette Register von Akustik-Blues über dreckigen Garagen-Rock, herzerweichende Balladen, einen Hauch von Reggae und Jazz bis hin zum typischen Stones-Rock. Alles schön dreckig und ruppig, mit kratzigem Reibeisengesang, souligen Backingvocals und sogar einem richtigen Chor. Wobei der gebürtige Brite, der mittlerweile in Weston, Connecticut, residiert, immer dann am stärksten ist, wenn er ganz simplen, traditionellen Blues anstimmt. Sei es im Opener, zugleich das Titelstück, oder im Leadbelly-Cover „Goodnight Irene“. Da lebt er seine Begeisterung für die Mutter der afro-amerikanischen Musik offen aus: „Sie hat eine unglaubliche Kraft“, sagt er dem Magazin MOJO, „und sie hat alle Bereiche der modernen Musik beeinflusst. Also selbst Sachen wie Rap. Deshalb ist sie die Basis für alles.“ Die aber nur wenige derart verinnerlicht haben wie „der beste schlechteste Gitarrist der Welt“, wie ihn sein Freund und Mentor Alexis Korner einst nannte. Und selbst wenn Richards mit den Jahren zurückhaltender geworden ist, was den Konsum von harten Drinks und noch härteren Drogen betrifft: Ohne Zigaretten, ohne Wodka-O und ohne morgendlichen Joint, so hat er gerade richtiggestellt, geht es bei dem vierfachen Vater und fünffachen Großvater dann doch nicht. „Es gibt nichts Besseres, als eine gute kalifornische Mischung zum ersten Kaffee“, lacht er. „Man liegt im Bett, genießt das Gras und beginnt den Tag in aller Ruhe. Ich liebe das.“ Eine Routine, die er nicht aufzugeben gedenkt. Genauso wenig wie die dienstälteste Rockband der Welt, die unverwüstlichen Rolling Stones, die im 53. Dienstjahr sind und längst nicht ans Aufhören denken. Im Gegenteil: Nach der aktuellen US-Tournee gehen die Steine wieder ins Studio, um den Nachfolger von ‚A Bigger Bang‘ anzugehen, der immerhin von 2005 datiert. „Mick hat lange offen gelassen, ob er noch mal ein Album machen will. Aber jetzt hat er wieder richtig Lust darauf. Was ein gutes Zeichen ist. Ich meine, ich könnte schon morgen loslegen – wenn man mich nur ließe.“ Ob er auch ein paar Solo-Shows für ‚Crosseyed Heart‘ spielt, lässt er indessen offen: „Wenn es mein Terminplan zulässt, dann gerne. Ansonsten bringe ich halt ein paar Songs während der Stones-Shows.“

Keith Richards – Crosseyed Heart (EMI/Universal) 2LP 4739396 / CD 4739400 // ab 18.09.2015 im Handel