David Bowie // Blackstar

David Bowie Blackstar Cover Am 10. Januar starb das musikalische Chamäleon an den Folgen einer Leberkrebserkrankung – gerade mal zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag. Bowie hinterlässt einen monumentalen Backkatalog und ein Spätwerk, das zu Recht alle Rekorde bricht. Denn sein 25. Album ‚Blackstar‘, auf dem der Wahl-New Yorker ambitionierte Fusion-Sounds mit symbolträchtigen Texten würzt, ist der Beweis, dass er nie stehen geblieben ist. Vielmehr suchte der rastlose Künstler bis zuletzt nach alternativen Ausdrucksformen – und fand sie Anfang 2014 in Jazz-Saxofonist Donny McCaslin. Die erste Zusammenarbeit war „Sue (Or In A Season Of Crime)“ für die Compilation ‚Nothing Has Changed‘, die andeutete, dass sich bei Bowie de facto einiges verändert hat. Ein Jahr später, als er mit ‚Blackstar‘ begann, blieb er bei McCaslin und verschrieb sich – weniger klanglich als konzeptionell – dem Ansatz eines Kendrick Lamar: „Wir waren offen für alles – außer Rock´n´Roll“, so Produzent Tony Visconti. Was Drum´n´Bass wie Krautrock, HipHop und Jazz impliziert. Natürlich als Mischform, die in keine Schublade passt und auf freier Improvisation basiert.

Das gilt insbesondere für „´Tis A Pity She Was A Whore“, das von einem mächtigen Saxofon dominiert wird und sich lyrisch bei Schriftsteller John Ford bedient. Dagegen kokettiert „Girl Loves Me“ mit Schwulen-Slang und weist Passagen aus „A Clockwork Orange“ auf. Das Highlight ist jedoch das fast zehnminütige Titelstück, das in drei Teile zerfällt, von orchestrierten TripHop-Beats über psychedelische Momente bis zu den Querflöten von „Young Americans“ reicht, und nur deshalb nicht länger ist, weil iTunes es sonst nicht gelistet hätte. „Ein Witz“, echauffiert sich Visconti. „Aber David wollte den Song als erste Single. Sonst wäre er länger ausgefallen.“

Was das Video von Regisseur Johan Renck wohl noch bizarrer gemacht hätte als es schon ist: Eine surreale Bilderflut, eingebettet in eine mystische Sci-Fi-Geschichte und durchsetzt von starker Symbolik, die für hitzige Diskussionen sorgt. So könnte das Astronauten-Skelet mit dem Juwelen-Schmuck Major Tom sein, der Bowie-Charakter der frühen 70er. Der blinde Prophet lässt sich als Seitenhieb auf religiöse Führer interpretieren, und der uniformierte Priester mit dem Gebetsbuch erinnert an Aleister Crowley. „David hat es nicht explizit bestätigt“, so Visconti. „Aber ich denke, es zeigt, wie er von Organisationen wie dem IS hielt. Nämlich, dass sie nichts mit wahrem Glauben zu tun haben. Nur: Er wollte das nicht erklären, weil es dann zu plakativ wäre.“

Womit er der Richtlinie aus „I Can´t Give Everything Away“ folgt: „Ich kann nicht alles preisgeben.“ Weshalb er medial schwieg und seine Musik sprechen ließ. Gemäß dem Ansatz, dass Kunst keiner Erklärung bedarf. Und das, was er mit diesem Spätwerk abliefert, ist definitiv ein künstlerisches Statement – auch gegen die Mainstream-Kultur und die Beliebigkeit der aktuellen Musik. Da erweist sich „Blackstar“ als Kontrapunkt und grandioses Spätwerk. Ein würdiger Abschied.

David Bowie – Blackstar (Columbia/Sony) // LP 88875173871 / CD 88875173862 // ab 08.01.2016 im Handel