AnnenMayKantereit // Alles nix Konkretes

AnnenMayKantereit Alles Nix Konkretes CoverHenning May braucht keine Sekunde zum Warmwerden in diesem Gespräch, der Sänger und Pianist von AnnenMayKantereit quasselt lieber sofort los und irgendwie ist man nach zwei Minuten schon beim Lehrer seines Leistungskurses Geschichte gelandet. Henning spielt regelmäßig Doppelkopf mit dem Pädagogen, nach dem Abi sei man sich ausgerechnet auf einer Fahrt zum KZ nach Krakau menschlich so richtig nah gekommen, zur Einweihungsparty seiner WG brachte der lustige Lehrer eine Dreiliterflasche Rum mit. „Einer der drei Gründe, warum es gerade so gut läuft bei uns“, sagt der 24-Jährige, nachdem er sich zum wiederholten Male selbst ins Wort fällt, sei die Nahbarkeit: „Wir sind immer interessiert an Begegnungen und an Unterhaltungen. Und so kommt es eben vor, dass man eine halbe Stunde mit dem Caterer beim Konzert in Würzburg zusammensteht, raucht und über den Irak diskutiert.“

Die anderen beiden Gründe für den rasanten Aufstieg von Henning, Severin Kantereit, Gitarrist Christopher Annen und Bassist Malte Huck (der erst 2014 zur Band stieß, als der Name schon stand) zu einer der am höchsten gehandelten deutschen Bands der letzte Jahre? „Unsere Ehrlichkeit“, so May, „denn wir spielen keine Rolle wie etwa eine Lady Gaga, sondern sind auf der Bühne die gleichen Menschen wie zuhause. Und außerdem hat sich praktisch unser gesamtes Privatleben in die Band verlegt. Wir haben uns in den letzten fünf Jahren wirklich massivst den Arsch aufgerissen, alles ist sehr, sehr zeitintensiv.“

Kaum ein Album, erst recht kein Debüt, wird aktuell heftiger herbeigesehnt als das von diesen 22 bis 25 Jahre alten Jungs, die sich seit der Schulzeit auf dem Schiller-Gymnasium in Köln-Süd kennen, sich aber „so richtig intensiv“ erst nach dem Ende der Schulzeit befreundeten. „Alles nix konkretes“ heißt die Platte, und sie ist große Klasse. Natürlich ist es Henning Mays markante Stimme, die als erstes auffällt. Erinnert an Sven Regener von Element Of Crime. Man hört May an, dass er mit seiner Band jahrelang als Straßenmusiker zugange war. „Eigentlich wollten wir studieren, aber für unsere Wunschfächer waren jeweils unsere Abi-Schnitte zu schlecht“, so Henning, der eigentlich mal Lehrer werden wollte so wie sein Vater. „Mit der Musik lief es dann schnell echt gut. 2014 schon waren wir finanziell von unseren Eltern unabhängig, das war eine tolle Situation.“

Im vergangenen Jahr dann hat AnnenMayKantereit einen Plattenvertrag unterschrieben, tourte im Vorprogramm von Kraftklub, Beatsteaks und Clueso und nahm schließlich mit dem renommierten Moses Schneider das Album in den nicht minder renommierten Hansa Studios in Berlin auf. Das Ergebnis klingt grandios. Handgemachte, melodiereiche Gitarrenmusik soweit das Auge reicht, ein deutlicher Country-Einfluss (May liebt den späten Johnny Cash), Energie bis zum Abwinken und doch immer wieder diese melancholischen Moment in Musik und Text. Henning singt sich viel Liebesfrust vom Leibe, „Pocahontas“ handelt wie so mancher Song von seiner Nun-Wieder-Ex-Freundin („Die Liebe war so schön zu mir, dass es nicht schlimm ist, dass sie auch mal schlecht war“), der Hit „Oft gefragt“ indes ist eine Verbeugung vor dem Vater. „Wir hatten immer ein extrem enges und gutes Verhältnis“, sagt May. „Wir können wirklich über absolut alles zusammen reden.“ Das glauben wir ihm aufs Wort.

AnnenMayKantereit – Alles Nix Konkretes (Vertigo/Universal) 2LP 4770379 / Ltd. Deluxe Box 4770383 / CD 4770378 // ab 18.03.2016 im Handel