Udo Lindenberg // Stärker als die Zeit

Udo Lindenberg Stärker als die Zeit CoverMit fast 70 hat Udo Lindenberg noch mal ein neues Album gemacht. Auf ‚Stärker als die Zeit‘ lässt der Panikrocker die Menschen so nah an sich heran wie nie zuvor. Wir trafen Lindenberg im Hamburger Hotel „Atlantic“, wo auch sonst? Im Lied „Plan B“ singt Udo Lindenberg darüber, wie geil es ist, Udo Lindenberg zu sein. Man glaubt ihm das aufs Wort. „Ich kann jeden Tag machen, was ich will“, sagt er nun fröhlich. „Das ist das Allergeilste überhaupt.“ Schon sein üblicher Rhythmus ist ein Traum: Pennt bis mittags halb zwei, vollbringt sein Tagwerk und geht gegen sechs Uhr morgens ins Bett, sommers wie winters.
Folge dieser Aufstehgewohnten ist ein Gesprächstermin wie es ihn sonst nur bei der ähnlich gepolten Mariah Carey gibt. Freitagabend, kurz nach Mitternacht, in einem Raum etwas abseits des Hoteltreibens will Udo über sein erstes Studioalbum seit dem überwältigend erfolgreichen ‚Stark wie zwei‘ vor acht Jahren sprechen. Lindenberg (69) empfängt stilecht mit Hut und Sonnenbrille, vor ihm ein Glas Bier und ein halbvolles Wasserglas mit Eierlikör, doch außer einem Schlückchen Bier nimmt er beim Interview nichts zu sich. „Früher trank ich so ziemlich rund um die Uhr. Auch andere Gifte habe ich probiert. Dann überzog ich, und die Sucht wurde der Chef. Ich wäre fast gestorben damals.“ Heute geht er fast jede Nacht joggen, in seiner Kapuzenjacke erkenne ihn kein Mensch. Auch zu diesem Thema findet sich ein Song auf der neuen Platte, „Mein Body und ich“. Er singt: „Andere hätten bei so einem Leben längst den Löffel abgegeben.“
In den Siebzigern war Lindenberg mit Liedern wie „Cello“ zur Ikone geworden, 1983 kam der „Sonderzug nach Pankow“, ein Auftritt im Ost-Berliner Palast der Republik, später die Lederjackenübergabe an Erich Honecker. In den Neunzigern jedoch stürzte er beruflich ab, private Sehnsüchte blieben unerfüllt. Dass er sich aus dem Schlamassel rettete und heute erfolgreicher und beliebter ist denn je, ist eines der größten Popwunder der Geschichte. So ist nur folgerichtig, dass sich so viele ausgerechnet von ihm durch harte Lebensphasen tragen und trösten lassen wollen wie auf „Durch die schweren Zeiten“, einer typischen Lindenberg-Mutmach-Hymne. „Resignieren ist einfach nicht mein Ding, und das spüren die Leute genau. Mein Leben insgesamt ist ein großes Geschenk.“
Ein Geschenk ist auch dieses Album. ‚Stärker als die Zeit‘ ist voll mit Liedern, die zwar alle brandneu sind, aber doch vertraut wirken. Es gibt zugänglichen Pop und Rock („Eldorado“), ein paar Balladen (überragend: „Der einsamste Moment“) und jede Menge Selbstironie („Einer muss den Job ja machen“). Für die Aufnahmen sparte man an nichts, innerhalb von zwei Jahren entstanden die Songs in Hamburg, Los Angeles, Berlin, New York und London, wo Lindenberg in den Abbey Road Studios seine Streicher aufnahm. Für den Titelsong bekam er sogar die Freigabe, die Melodie aus Francis Ford Coppolas „Der Pate“ zu verwenden. Produziert haben wieder Andreas Herbig, Henrik Menzel und Peter „Jem“ Seifert, und herausgekommen ist so etwas wie das ultimative Udo-Album.
Am 17. Mai wird Lindenberg 70, er kann es kaum noch erwarten. „Alter steht für Radikalität und Meisterschaft, nicht für Durchhängen. Es wird allerdings Zeit, dass ich schnell hinüberwechsle auf die andere Seite der 70, denn 69 ist ein gefährliches Alter. David Bowie und Lemmy waren beide 69, als sie starben.“ Sein Ziel sei „fürs erste“ die 100.

Udo Lindenberg – Stärker als die Zeit (Warner Music) 2LP 505419703781 / Deluxe Case (Vinyl) 505419705471 (ab 20.5.) / Deluxe Box Set (CD+DVD) 505419703792 / CD 505419703212 // ab 29.04.2016 im Handel