Bon Iver // 22, A Million

Bon Iver - 22, A Million CoverDer erfolgreichste Indie-Musiker der späten Neunziger ist Opfer seiner eigenen Popularität geworden. Worauf Justin Vernon alias Bon Iver mit Rückzug, Verweigerung und systematischer Dekonstruktion seiner selbst reagiert. Nachzuhören auf seinem dritten Album, das nur wenig mit seinem früheren Oeuvre zu tun hat. Es handelt sich vielmehr um komplexe Klangkunst der Marke Radiohead.Hamburg im Frühjahr 2011: Justin Vernon, gerade 30, sitzt mit Dreitagebart und Wirrer-Professor-Frisur im Restaurant des Wasserturmhotels, genießt die Sonne und ist so tiefenentspannt, dass man glaubt, er wäre vom Erfolg beflügelt statt überwältigt oder gar genervt. Schließlich hat er gerade sein eigenes Tonstudio „April Base“ in Fall Creek, Wisconsin, erworben, einen beeindruckenden Sprung vom schüchternen Folkbarden zum selbstbewussten Bandleader hingelegt, unterstützt Kanye West an dessen Tracks, ist frisch verliebt und hält seine Karriere immer noch für einen Betriebsunfall. Für etwas, das sich eh nicht wiederholen lässt.
Doch weit gefehlt: ,Bon Iver, Bon Iver’ entpuppt sich als regelrechtes Monster, das den Vorgänger ,For Emma, Forever Ago’ um Längen übertrifft, mit zwei Grammys bedacht wird, Justin zum Headliner auf den größten Festivals der Welt und zum Promi wider Willen macht. „Ich weiß nicht, ob die Leute wissen, wie nervig es ist, ständig auf Fotos und Autogramme angesprochen zu werden. Zumal die meisten damit nur Geld bei Ebay machen wollen. Sie nutzen dich quasi schamlos aus“, verrät der Frustrierte im Februar 2016 dem Billboard-Magazin. „Da ist die logische Reaktion, dass man Menschen meidet und sich ganz in seine kleine Kunstwelt zurückzieht.“
Also ähnlich wie bei seinem Debüt von 2007, das in einer einsamen Berghütte entstand, und doch auf einem ganz anderen Level. Mit dem nötigen Kleingeld für sein eigenes Musikfestival „Eaux Claires“, das er seit 2015 in seiner Heimatstadt veranstaltet. Für ein großes Haus, in dem er arbeitet und lebt, und sein neues Lieblingsspielzeug, den OP-1. Ein Synthesizer, der eigene Samples erstellt und mit dem sich alles über- und aufeinanderschichten lässt, was es an Tönen gibt. Zudem ersetzt er Gitarre, Bass und Schlagzeug. Einfach, weil sich musikalische Visionen viel schneller im Alleingang umsetzen lassen.
Genau das ist der Ansatz hinter dem neuen, dritten Werk ,22, A Million’. Hier präsentiert sich Justin als One-Man-Band, die zwar noch auf die gelegentliche Hilfe von Drummer Sean Carey, Jazz-Saxofonist Michael Lewis und Busenkumpel Paolo Nutini zurückgreift, aber am liebsten ebenso epische wie knarzige Keyboard-Sounds serviert, die er mit hintergründig-verklärtem Gesang, Industrial-Anleihen und Soulsängerinnen garniert, das Ganze immer wieder dekonstruiert, manipuliert und verfremdet, sodass es wie ein Grenzgang zwischen Radiohead und Kanye West wirkt. Sprich: Ein mutiges, vielleicht sogar größenwahnsinniges, aber definitiv völlig unkommerzielles Statement, das allen den gestreckten Mittelfingern zeigt – der Industrie, den Kritikern und den zahlreichen Kopisten. ,22, A Million’ ist ein Befreiungsschlag. Und was für einer …

Bon Iver – 22, A Million (Jagjaguwar/Cargo) LP 00100000 / CD 00100001 / MC 00100003 // ab 30.09.2016 im Handel