Green Day // Revolution Radio

Green Day, Revolution Radio Cover

Ein Ausraster auf der Bühne, Alkohol- und Drogenprobleme und ein überambitioniertes Drei-CD-Projekt: Green-Day-Chef Billie Joe Armstrong hat vier harte Jahre hinter sich. Jetzt wagt er einen Neuanfang mit .Revolution Radio’, einem Protest-Rock-Album alter Schule.

„Wir waren zu ehrgeizig“, sinniert Billie Joe beim Interview in San Francisco. „Wir haben uns in eine fixe Idee verrannt und gedacht, wir könnten das einfach so stemmen – wie alles davor: Die Rock-Opern, das Musical, die Stadiontourneen. Uns schien nichts zu groß und nichts unmöglich. Doch drei Alben auf einen Schlag waren zu viel. Da konnte nicht alles gut sein. Und das haben die Fans auch ziemlich schnell erkannt – und sich merklich zurückgehalten.“ Für den 44-Jährigen hingegen war die Erkenntnis, gescheitert zu sein, ein echter Schock. Und einer, den er nicht so leicht verarbeiten konnte. „Ich habe zu viel getrunken, zu viele Pillen geschluckt und niemanden an mich heran gelassen.“

Was dazu führte, dass er am 23. September 2012 – bei einem Konzert in Las Vegas – einen Nervenzusammenbruch auf der Bühne erlitt, in eine Entzugsklinik eingeliefert wurde und anschließend eine fast zweijährige Auszeit einlegte. Doch genau in diese Zeit, die er eigentlich mit Lesen, Fernsehen und Chillen verbringen sollte, platzten die „Occupy Wall Street“-Bewegung, das politische Engagement von Donald Trump, die Bedrohung durch den IS sowie die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner. „Ich hatte das Gefühl, als wäre die Welt verrückt geworden. Als wären wir wieder in der Zeit von Nixon, von Vietnam und Watergate – und natürlich wollte ich etwas dagegen tun. Ich wollte Songs, die reflektieren, was da passiert, die die Leute wachrütteln und eindeutig Stellung beziehen. Die laut, schnell und hart sind und die Köpfe der Kids – der nächsten Wählergeneration – ordentlich durchblasen. Die ihnen Ansporn und Hilfestellung zugleich sind.“

Dazu setzt Billie auf hymnischen Power-Rock, durchgetretenes Gaspedal und bissige, zynische Texte über Gesellschaft und Staat. Seine Zielscheibe: soziale Medien, die Waffenlobby, religiöse Fanatiker und kriegsgeile Militärs. ,Revolution Radio’ – der Titel spricht Bände, wartet dann auch mit Zeilen wie „I’ll put the riot in patriot and we all die in peace“ („Somewhere Now“) oder „mommy’s little soldier wants to be a celebrity soldier“ („Bang Bang“) auf, fährt genau die richtige Mischung aus Harmonie, Härte und Idealismus auf und lässt die alte Schule der politisierten Rockbands aufleben: MC5, CSNY, The Clash, New Model Army, Ton Steine Scherben. „Als Musiker muss man seine Stimme und seinen Einfluss nutzen“, so Billie Joe. „Gerade heute, weil sonst gar nichts passiert. Weil die Menschen dann nie aus ihrer Lethargie erwachen und wir uns quasi selbst ausrotten – durch unsere Angst, unsere Dummheit und unsere Hörigkeit. Insofern ist dieses Album ein Weckruf – und hoffentlich einer, der funktioniert.“

Green Day – Revolution Radio (Reprise/Warner) LP 9362492007 / CD 9362492006 // ab 07.10.2016 im Handel