Ina Müller // Ich bin die

Ina Müller, Ich bin die Cover

Ina Müller ist dafür bekannt, jeden in Grund und Boden sabbeln zu können. In ihrer Fernsehsendung „Inas Nacht” bietet die Moderatorin ihren Gästen jedenfalls ordentlich Paroli. Doch die Quasselstrippe kann auch ganz anders. Auf ihrer CD ,Ich bin die’ schlägt sie durchaus mal leise Töne an. Laut, lauter, am lautesten – so kennt man Ina Müller. Die gebürtige Niedersächsin, die seit vielen Jahren in Hamburg wohnt, gilt als eine Frau, die immer einen flotten Spruch parat hat. Ihre Fans lieben sie dafür, andere Leute finden sie bisweilen reichlich anstrengend. Na, und? Die 51-Jährige hat kein Problem damit zu polarisieren. Frank und frei räumt sie in der melancholisch-getragenen Ballade „Ich bin die” ein, dass sie sich manchmal selbst nicht mehr reden hören oder sehen kann. Sie bezeichnet sich als zu laut, als eine, die oft zu spät kommt. Ehrlichkeit ist ihr halt wichtig. Sie erforscht gern ihre Emotionen. Zum Beispiel in dem nachdenklichen Stück „Wie du wohl wärst”. Da fragt sie sich, wie das Kind, das sie nie gehabt hat, heute wohl wäre. „Das war’s” handelt wiederum von Selbstzweifel. Ina Müller war von ihren Qualitäten als Sängerin überzeugt – bis sie Adele gehört hat. Es gibt eben immer eine, die besser als man selbst ist.

Solche Erkenntnisse verpackt Ina Müller in Pop, der sich hier ein bisschen chansonesk, da ein wenig countryesk zeigt. Den Großteil der Musik hat die Wahl-Hamburgerin gemeinsam mit ihrem Partner Johannes Oerding nachts am Küchentisch komponiert. Die mal ernsthaften, mal humorvollen Texte entstanden in Zusammenarbeit mit Frank Ramond. In „Dorf bleibt Dorf” lässt Ina Müller ihre Vergangenheit wieder auferstehen. Auch wenn sie nicht mehr auf dem Land lebt: Das Dorf kriegt man einfach nicht aus ihr heraus. In dem groovenden „Immer eine mehr wie du” gleicht sie ihre Zipperlein mit denen einer Freundin ab. Nach dem Motto: Altwerden ist nichts für Feiglinge. Auch „Wenn du jetzt aufstehst” thematisiert das Älterwerden. Da schaut ein junger Mann sein Gegenüber sehr genau an. Allerdings nur, um abzuchecken, ob die Dame womöglich schon so alt ist, dass er ihr seinen Platz anbieten muss. Wie dieser Schlag gegen das weibliche Ego ausgeht? Selbstverständlich anders als erwartet …

Ina Müller ist eben unberechenbar. Übrigens halten sie nicht bloß Frauen für einen bodenständigen Kumpeltyp, mit dem man Pferde stehlen kann. Eine Studie ihrer Plattenfirma hat ergeben: Auch Männer finden die Sängerin wirklich gut. Sie sei wie „Champagner mit Currywurst”, attestiert ihr die Herrenwelt. Dabei hat Deutschlands frechste Frau auch eine zarte Seite. Ich bin nicht selbstbewusst”, offenbarte sie kürzlich überraschend in einem Interview mit einer Frauenzeitschrift. Privat schweige sie gern. Was völlig okay ist, solange sie beruflich ihre Schlagfertigkeit nicht einbüßt. Seien wir ehrlich: Ohne ihre akribischen Alltagsbeobachtungen wäre diese Welt doch ein kleines bisschen ärmer.

Ina Müller – Ich bin die (Columbia/Sony) 2LP+CD 88875050421 / 2CD 88985367252 / CD 88875050422 // ab 28.10.2016 im Handel