Patricia Kaas // Patricia Kaas

Mise en page 1 (Page 1)„Ich musste erst die Frau werden, die ich heute bin, um ein solches Album machen zu können.“ Sagt Patricia Kaas über ‚Patricia Kaas‘, das zehnte Studioalbum und das erste mit neuen Songs seit 13 Jahren. Wir sprechen mit Kaas, die in Forbach an der deutsch-französischen Grenze aufwuchs, in Straßburg. Nach unserem Interview wird sie in einem über hundert Jahre alten Schwimmbad das Video zur neuen Single „Madame Tout Le Monde“ drehen. In dem eher leichten, beschwingt-heiteren Song geht es darum, so Kaas, „dass die Gesellschaft von uns Frauen wirklich sehr viel verlangt. Wir sollen Erfolg im Beruf haben, eine gute Partnerin sein, Sport treiben, Kinder großziehen. Man muss keine Feministin sein, um festzustellen, dass diese Ansprüche einen bisweilen überfordern können.“ Patricia Kaas, die Anfang Dezember 50 wird, weiß sehr genau, wovon sie spricht. Vor zwei Jahren konnte sie nicht mehr, Burnout, alles war ihr zu viel geworden. „Ich hatte auf nichts mehr Lust, fühlte mich einfach nur erschöpft und leer.“ Die Jahre zuvor waren auch wirklich heftig gewesen, ausgefüllt mit langen Tourneen, den Cover-Alben ‚Kabaret‘ (2009) und ‚Kaas chante Piaf‘ (2012), einer Autobiographie sowie einem Film, in dem Kaas eine Mutter spielt, die ihre Tochter verliert. „Mein Vater war Grubenarbeiter“, erklärt sie ihren Weg ins Ausgebranntsein, „bei uns zuhause belastete man die anderen nicht mit seinen Gefühlen. Sich Hilfe zu holen in seelischer Not war für mich etwas Ungewohntes.“

Durch die Therapie habe sie nicht nur einen besseren Blick auf sich selbst bekommen, sondern auch neues Selbstvertrauen. „Als ich wieder gesund war, fühlte es sich an wie ein neuer Start in mein Leben. Wie ein kleiner Neuanfang.“ In Zukunft, so Kaas, wolle sie besser auf sich aufpassen, sich weniger stressen lassen, häufiger faul sein. „Auch wenn meine deutsche Disziplin und meine Leidenschaft für die Musik mich auch weiterhin antreiben.“ Der neuen Platte hört man den frischen Biss zu jeder Sekunde an. Patricia Kaas, die 1988 mit dem Debüt ‚Madame Chante Le Blues‘ gleich groß rauskam, klingt etwas rauer, weniger poliert als früher. „Es ist ein Mittelding zwischen den eleganten Chansons, die die Leute von mir kennen und einem Ansatz, den ich mal als ‚Alternative Chanson‘ bezeichnen möchte“, so Kaas. Die Produzenten des Albums, auf dem Kaas so mutig und berührend klingt wie vielleicht nie zuvor, sind der Wahlberliner Fink sowie Jonathan Quarmby, der zuletzt das grandiose Debüt des englischen Sängers Benjamin Clementine aufnahm. Und auch die Songauswahl (Kaas schreibt nicht selbst) ist gewagter als früher. „La Maison En Bord De Mer“ behandelt das Thema Inzest, in „Cogne“ geht es um häusliche Gewalt, das dunkle „Marre De Mon Amant“ ist im Original von der belgischen Singer/Songwriter-Legende und das abschließende „Ma Tristesse Est N’Importe Ou“ ist eine mitreißende Hymne über Patricias Lebensbegleiter, die Melancholie. „Die Traurigkeit lebt in mir, und dennoch ist das kein trauriges Lied. Meine Melancholie ist meine schönste Narbe. Ich spüre, dass sie da ist, aber ich möchte nicht, dass man sie mir wegmacht. Auch traurige Gefühle sind schöne Gefühle.“  Vor allem dann, wenn sie so vorgetragen werden wie von Patricia Kaas.

Patricia Kaas – Patricia Kaas (Richard Walter Entertainment/H’Art) Deluxe Edition (2CD) RWELC 004 / CD RWELS 004 // ab 11.11.2016 im Handel