Ryan Adams // Prisoner

Ryan Adams (Foto: Rachael Wright)

Ryan Adams (Foto: Rachael Wright)

Kaum jemand käme auf die Idee, dass Ryan Adams 42 ist. Der Musiker hat ein faltenfrei-jungenhaftes Gesicht. Seine zerzausten Haare scheinen sich nicht bändigen zu lassen. Das kurzärmelige T-Shirt gibt den Blick auf die zahlreichen Tattoos auf dem linken Arm des Amerikaners frei. Er sieht so aus, als würde er sich in einer Kreuzberger Kiezkneipe wohler fühlen als im feinen Berliner „Soho House“, wo er über sein jüngstes Album ,Prisoner‘ spricht. Aufgenommen hat er es in den Electric Lady Studios in New York: „Sie gehören – neben meinem eigenen PAX-AM-Studio in Los Angeles – zu den wenigen Produktionsstätten, die ich wirklich mag.“ Denn Ryan Adams ist jemand, der ganz besondere Ansprüche stellt. Von Pro Tools hält er ebenso wenig wie von anderen digitalen Aufnahmetechniken: „Ich finde, die menschliche Stimme sollte nicht auf einen Computer gebannt werden.“

Darum legt er großen Wert darauf, dass seine Einspielungen analog sind. Als er seine neuen Songs den Mitarbeitern seiner Plattenfirma präsentierte, bekamen sie das zu hören, was er direkt mitgeschnitten hatte – ohne großartige Nachbearbeitung. Das gefiel nicht jedem: „Die Label-Leute bemängelten, ich hätte in meiner Musik zu viele Leerstellen gelassen.“ Also kehrte Ryan Adams noch einmal ins Studio zurück, um seine Stücke mit moderner Technik aufzupeppen – danach durfte er zu seiner Originalfassung zurückkehren: „Selbst meine schärfsten Kritiker haben eingesehen, dass ich nicht wie Ariana Grande klingen muss.“

Ryan Adams Prisoner CoverIn der Tat braucht Ryan Adams’ geerdeter Roots-Rock keine großartigen Verzierungen. Beim Titel „Do You Still Love Me?“ regieren satte E-Gitarrenriffs. Die Nummer „Prisoner“ besticht mit einer eingängig-melancholischen Melodie und nähert sich dem Pop an. Die Mundharmonika gibt der Musik stellenweisen einen leicht bluesigen Einschlag. Genau wie bei „Doomsday“. „Haunted House“ wird von Ryan Adams‘ ausdrucksstarkem Gesang getragen. Die akustische Gitarre verleiht der sehnsüchtigen Ballade „Shiver and Shake“ eine spannende Klangfarbe.

Ryan Adams ist halt jemand, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Die Scheidung von Sängerin und Schauspielerin Mandy Moore hat ihm den Stoff für seine intimen Songtexte geliefert. Doch dieses Thema will der Singer/Songwriter nicht vertiefen: „Es obliegt dem Hörer zu entscheiden, wie er meine Lieder interpretiert.“ Nur eins lässt er sich entlocken: „Mein Stücke sind stets wie ein innerer Dialog, den ich mit mir selbst halte.“

Zu Papier bringt er seine Worte immer ganz altmodisch mit dem Stift oder einer mechanischen Schreibmaschine: „Ich mag es nicht, das, was ich empfinde, in einen Computer zu tippen.“ Erste Ideen für seine Songs sammelt Ryan Adams für gewöhnlich in seinem Arbeitsbuch – er nennt es das „schwarze Buch“: „Ich halte dort einzelne Sätze fest, Zeichnungen, Anekdoten.“ Sie sind die Initialzündung für Texte und Melodien: „Oft genügt schon ein Schlagwort, um mich zu einer vollständigen Nummer zu inspirieren.“

Ryan Adams – Prisoner (Capitol/Universal) LP 5713461 / CD 5713455 // ab 17.02.2017 im Handel