Blondie // Pollinator

Blondie (Foto: Alexander Thompson)

Blondie (Foto: Alexander Thompson)

Ihre letzten Alben, das ist kein Geheimnis, waren alles andere als prickelnd. Doch jetzt, im 43. Jahr ihres Bestehens, legen Debbie Harry und Chris Stein wieder ein Werk vor, das positive kreative Akzente setzt – dabei haben sie den Großteil der Songs nicht einmal selbst geschrieben. Sondern er stammt von Künstlern, die nach eigenem Bekunden stark von Blondie geprägt sind, die entweder mit Hits wie „Call Me“, „Heart Of Glass“, „Sunday Girl“, „Atomic“ oder „Rapture“ aufgewachsen sind oder sie entdeckten, als sie selbst zu Musikschaffenden wurden. Blondie Pollinator Cover„Es sind quasi meine Kinder“, lächelt Debbie Harry, die keinen eigenen Nachwuchs hat. „Eben Kollegen, die unseren Sound verinnerlicht haben und jetzt bessere Blondie-Songs schreiben als wir selbst. Was ein wunderbares Kompliment ist und was wir uns ganz ungeniert zu Nutze machen, indem wir uns bei ihnen bedienen. Also wie Bienen, die zuerst Blumen bestäuben, dann den Nektar ernten und daraus wunderbaren Honig produzieren.“

In diesem Fall mit den Songideen von Charli XCX, Johnny Marr, David Sitek (TV On The Radio), Nick Valensi (The Strokes), Sia und Day Hynes (Blood Orange). Sie alle schreiben den Helden der Siebziger und Achtziger Stücke auf den Leib, die wie angegossen wirken, sich im bewährten Spannungsfeld zwischen Disco, Pop und New Wave bewegen und auch lyrisch auf „klassische“ Blondie setzen: Texte über hemmungslosen Hedonismus, übers Tanzen, Feiern und Spaß haben. Eine Botschaft, die laut Debbie genauso zeitlos ist, wie sie selbst: „Ich denke, es ist extrem wichtig, der Angst und dem Nihilismus der heutigen Zeit etwas Positives entgegenzusetzen“, so die 71-Jährige. „Nicht, um davon abzulenken oder alle Probleme zu verdrängen, sondern um zumindest mal kurz abzuschalten, den Kopf frei zu kriegen und dann umso fokussierter vorzugehen. Sei es gegen die neue US-Regierung, die völlig veraltete Ansichten vertritt, keinerlei Ahnung hat, was sie da tut, und alles zerstört, wofür dieses Land steht – für Offenheit, Freiheit und Fortschritt. Dagegen müssen wir uns wehren. Nur: Wir dürfen das Leben an sich nicht vergessen. Das ist eine der Botschaften dieses Albums – genau wie: Wir sind noch nicht tot und haben es immer noch drauf.“

Das meint die elegante, ältere Dame mit der Föhnfrisur, den knallroten Lippen und den rot lackierten Fingernägeln genauso, wie sie es sagt – und erweist sich als Pop-Ikone, die ihre Punkrock-Wurzeln nie verloren hat, die genauso charmant wie tough ist und kein Geheimnis aus ihrer Motivation macht: „Natürlich könnte ich längst in Rente sein und mir das auch finanziell erlauben. Doch der Punkt ist: Ich sehe Blondie nicht als Möglichkeit zum Geldverdienen, und ich bin auch nicht darauf angewiesen, auf Tour zu gehen oder immer neue Alben aufzunehmen. Ich mache das, weil ich sonst nichts mit mir anzufangen wüsste – weil das so etwas wie meine Berufung ist. Ganz absehen davon liebe ich es. Und wisst ihr was: Ich würde gerne noch ein paar Jahre dranhängen.“ Eine echte Überzeugungstäterin.

Blondie – Pollinator (BMG/Warner) // LP (180g) 405053826341 / Ltd. 7″ Box Set (6 7″-Vinyl) 405053826354 / CD 405053826340 // ab 05.05.2017 im Handel