Linkin Park // One More Light

Linkin Park (Foto: James Minchin)

Linkin Park (Foto: James Minchin)

Eigentlich wäre das Interview längst zu Ende, doch diese Geschichte wollen Mike Shinoda (40) und Chester Bennington (41) unbedingt noch erzählen: Vor zwei Jahren waren sie erstmals in China, spielten fünf Konzerte, auch in Megastädten wie Chongqing, die kulturell im Schatten der vergleichsweise aufgeschlossenen Metropolen liegen. „Unter jungen Chinesen sind wir die populärste westliche Band überhaupt“, erläutert Shinoda, „aber Regierung und Polizei waren sehr nervös. Kulturell verstehen uns die Älteren nicht, und sie hatten Angst, dass wir Dinge tun, die unvorhersehbar sind und zu unkontrollierbarem Verhalten führen.“ Linkin Park One More Light CoverMan setzte sich dann in Ruhe mit den Behörden hin und erklärte, dass Linkin Park zwar laute Musik machen würde, aber keinen politischen Plan betreiben und keinen Umsturz einleiten wollen. Bennington: „Wir haben argumentiert, dass die Fans bei uns ihren Frust und ihre Ängste rausschreien können. Und dass sie dabei keine Aggression, sondern Freude verspüren.“ Die Shows wurden genehmigt.

Diese Verbundenheit zwischen Band und Hörern ist seit dem Debüt ‚Hybrid Theory‘ (2000) Teil des Markenkerns des Sextetts. Die andere Konstante: Man weiß nie, was als nächstes kommt, ein neues Linkin-Park-Album ist wie eine Wundertüte. Bei ‚One More Light‘, dem siebten Studioalbum, kommt beides zusammen: Der Sound ist kaum wiederzuerkennen – nicht hart, null Metal, das krasse Gegenstück zum krachigen Vorgänger ‚The Hunting Party‘. Stattdessen Pop, wohin man schaut. „Good Goodbye“, eine Kollaboration mit den Rappern Pusha T und Stormzy, könnte auch von OneRepublic sein, „Sharp Edges“ ist ultramelodisch, „Heavy“, das Duett mit Popsängerin Kiiara, klanglich alles andere, als der Titel vermuten lässt. „Das Album ist das poppigste, das wir je gemacht haben“, sagt Chester Bennington, „auch Depeche Mode oder The Cure machen Popmusik. Für uns ist das kein Schimpfwort.“

Fast noch wichtiger als der Klang ist das inhaltliche Konzept. „Wir wünschen uns, dass die Menschen diese Platte als aufbauend, tröstend und relevant für ihr Leben empfinden“, so Chester. „Denn genau diese Qualitäten hat sie auch für uns.“ Musik als Therapie, die alte Binse, bei ‚One More Light‘ passt sie. „Wir haben wahnsinnig viel geredet. Aber nicht mit Psychologen so wie Metallica, sondern mit uns, als Freunde. Die Ausgangsfrage war nicht ‚Hey, alles gut?‘, sondern ‚Hey, wie geht es Dir wirklich?‘“ Insbesondere im Fall von Chester Bennington lautete die Antwort: Verdammt beschissen: „Es war schlimm, ich habe das Leben zuweilen gehasst. Es gab den Kollaps von vielen Dingen und den Wiederaufbau von vielen Dingen. Ich habe sehr hässliche, traumatische Dinge erlebt, und zugleich war es schön, wie sehr ich mich den anderen dieses Mal öffnen konnte, wie aufrichtig wir alle miteinander umgingen.“ Jedes der zehn Lieder entstand auf Basis der Worte, in „Halfway Right“ führt Chester eine heftige Auseinandersetzung mit sich selbst („damit ich wenigstens zur Hälfte recht habe, wenn ich es schon niemand anderem recht machen kann“), das nach vorn gehende „Battle Symphony“ ist ein Stück übers Aufraffen, und der wahnsinnig schöne und traurige Titelsong handelt vom Leben, vom Tod und davon „dass es uns alles andere als egal ist, wie sich der andere fühlt.“

Linkin Park – One More Light (Warner) LP 9362491324 / CD 9362491323 // ab 19.05.2017 im Handel