The War On Drugs // A Deeper Understanding

The War On Drugs (Foto: Shawn Brackbill)

The War On Drugs (Foto: Shawn Brackbill)

ROCK-FOLK Für ‚A Deeper Understanding‘, das vierte Album des Sextetts aus Philadelphia, dessen kreative Leitung klar in der Hand von Sänger und Songschreiber Adam Granduciel liegt, sollte man als Hörer ordentlich Zeit mitbringen. Und das nicht nur in Anbetracht der Spieldauer von satten 66 Minuten im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne.

Denn selbst wenn das Album aus lediglich zehn Songs besteht, sind diese mitunter so innig, intensiv und untereinander verzahnt, dass man von ihnen geradezu aufgesaugt wird – das Album ist ein ganz eigener Kosmos, ein Kunstwerk im besten Sinne. Der Song „Thinking Of A Place“ beispielsweise dauert elf Minuten. „Die ursprüngliche Fassung war noch viel länger”, erinnert sich Granduciel, „einen Song feingliedrig zu konstruieren und nach und nach zum Atmen zu bringen, das macht mir unheimlich viel Spaß.“ Für ihn als Musiker sei es ein großes Kompliment, wenn ihm jemand sage, dass seine Musik ihn in eine andere Welt schicke. „Während ich an den einzelnen Bestandteilen der Songs arbeite, den Akkorden, den Melodien, den Worten, dann habe ich oft im Hinterkopf, dass all dies zu einer Art klanglichem Universum wird, wenn es fertig ist. Zu einer Welt, die nur meine ist, in die ich aber alle anderen Menschen sehr gern einladen möchte.“
Und es werden immer mehr, die Adams Einladung gern annehmen. Mit seinem Album ‚Lost In The Dream‘ gewann er vor dreieinhalb Jahren einen weit größeren Kreis von Zuhörern als zuvor, und während der Vorgänger noch etwas folkiger geriet, lässt Granduciel jetzt bei aller Intimität auch öfters mal den Rocker raus. Das relativ direkte „Clean Living“ erinnert auf coole Art ein wenig an Bryan Adams, auch auf „Nothing To Find“ gibt Granduciel Gas. „Holding On“ klingt sogar richtiggehend frohgemut. Und doch ist ‚A Deeper Understanding‘ sicher kein unbeschwertes Album. Adam litt in den vergangenen Jahren an Depressionen und Angstattacken, er lebte zeitweise in Los Angeles, eine Stadt, in der er sich verloren fühlte und die ihm überhaupt nicht gefiel. Nun ist er zusammen mit seiner Freundin nach New York gezogen. „Doch auch wenn es grandios läuft im Leben und ich großes Glück verspüre“, sagt er, „schleichen sich immer wieder Augenblicke des Traurigseins oder gar der Verzweiflung in mein Dasein. Über diese Momente zu schreiben, das festzuhalten, ist das Zentrum meiner Musik. Künstlerisch kann ich mich der dunklen Seite recht gut und gefahrlos nähern.“The War On Drugs A Deeper Understanding Cover
Seit 2005 führt der 38 Jahre alte Granduciel den kreativen Kleinbetrieb The War On Drugs an, zunächst teilte er sich den Frontmann-Job mit Kurt Vile, dieser machte sich jedoch vor Jahren selbstständig. War On Drugs war immer so etwas wie die heimliche, kleine Lieblingsband von vielen. Jetzt veröffentlicht die Band erstmals ein Album bei einer großen Plattenfirma. „Ich fühle mich selbstbewusst, mehr Leuten denn je zu zeigen, wer wir sind und was wir können.“
Inhaltlich, so sagt der Songschreiber, habe das Album sein allmähliches Erwachsenwerden sowie die damit verbundene Suche nach einem Platz im Leben zum Thema. Im Song „Pain“ singt er: „Give me a deeper understanding of who I am“ – also: Lass mich endlich besser verstehen, wer ich bin. Eine Lebensaufgabe? „Absolut. Immerhin weiß ich, dass mich die Hingabe zur Musik und zu meiner Band definiert und ausmacht. Das reicht mir fürs Erste.“

 

The War On Drugs – A Deeper Understanding (Atlantic/Warner) 2LP 7567866062 / 7567866063 // ab 25.08.2017 im Handel