Seal // Standards

Seal (Foto: Jan Welters)

Seal (Foto: Jan Welters)

JAZZPOP Der Bloomsbury Ballroom in London ist rappelvoll. Gespannt wartet das Publikum auf Seal, der ein paar Klassiker aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts singen wird, um die Werbetrommel für sein neues Album ,Standards’ zu rühren. „Mit der Musik aus der Rat-Pack-Ära bin ich aufgewachsen“, sagt er am nächsten Vormittag beim Interview in einem Hotel.

Seal Standards CoverWenn Nina Simone „I Put A Spell On You“ sang, war er wie verzaubert. Hat der 54-Jährige jetzt das Gefühl, sich mit ihr messen zu müssen? „Ich sehe uns nicht als Konkurrenten“, wiegelt er ab, „sondern wollte meine eigene Persönlichkeit in sämtliche Songs einbringen.“ Dafür hat er einen ganz konkreten Schlachtplan entwickelt: „Zuerst habe ich alle Standards präzise gelernt, dann ließ ich sie wieder los, um sie mit meiner DNA zu durchweben.“
Das hat funktioniert. Wie Sinatra steht er mit dem Stück „Luck Be A Lady“ auf Du und Du. Bei „I’m Beginning To See The Light“ verstärken ihn die Puppini Sisters. Bläser veredeln „My Funny Valentine“. „Love For Sale“ kommt recht beschwingt daher, was nicht zuletzt den grandiosen Musikern geschuldet ist, die Seal bei der Aufnahme in den Capitol Studios in Los Angeles um sich geschart hat. Der Pianist Randy Waldmann, der Bassist Chuck Berhofer und der Schlagzeuger Greg Fields wurden in der Vergangenheit bereits von Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Ray Charles oder Quincy Jones rekrutiert.
Mit ihnen im Rücken konnte sich Seal vollkommen auf seinen Gesang konzentrieren. Besonders bei „Smile“ holt er alles aus seiner Stimme heraus: „Diese zeitlose Nummer ist mein Favorit, weil sich inhaltlich jeder irgendwann mit ihr identifizieren kann.“ Schließlich handelt der Titel davon, wie man durch jede Krise kommt – Liebeskummer eingeschlossen. Damit kennt sich der gebürtige Brite, der heute in Los Angeles wohnt, wohl nicht erst aus, seitdem seine Ehe mit Heidi Klum gescheitert ist. Wenigstens sind ihm seine Kinder geblieben, die er abgöttisch liebt. Und fragmentarische Deutschkenntnisse, die er im Gespräch gelegentlich einstreut: „Fließend Deutsch spreche ich leider nicht.“
Deswegen erzählt er lieber auf Englisch, warum zum Beispiel sein alter Hit „Crazy“ ohne weiteres mit einem Orchester neu arrangiert werden könnte: „Gute Songs sind robust. Insofern ist es egal, ob man sie klassisch, rockig, poppig oder im Reggae-Stil präsentiert.“ Für ihn gilt: „Solange die Melodie und die Geschichte gut sind, ist man künstlerisch flexibel.“ Weil Seal das wichtig ist, hat er stets unheimlich viel Wert auf den inhaltlichen Aspekt gelegt. Das lässt ihn in der heutigen Welt fast schon altmodisch erscheinen: „Es gibt immer mehr Lieder, die überhaupt keine Botschaft haben.“ Warum das so ist, liegt für Seal auf der Hand: „Die Leute wollen bloß noch berühmt werden.“ Hat er diesen Trend nicht gefördert, als er bei der australischen „The Voice“-Ausgabe Coach wurde? Er verneint energisch: „Ich habe ja nur die Stimme der Kandidaten gehört, die meiner Ansicht nach echte Künstler waren.“

 

Seal – Standards (Decca/Universal) LP (White Vinyl) 5799481 / Deluxe Edition (CD inkl. 3 Bonus Tracks) 5799479 / CD 5793528 // ab 10.11.2017 im Handel