U2 // Songs Of Experience

U2 (Foto: Anton Corbijn)

U2 (Foto: Anton Corbijn)

ROCK Wer ‚Songs Of Experience‘, das 14. Studioalbum von Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen jr., als Rückbesinnung auf die U2-Wurzeln beschreibt, der liegt goldrichtig. „Es ist uns schon wichtig, dass wir ein Teil der aktuellen Musikkultur sind und nicht nur eine Altherrenband“, so Gitarrist The Edge, „Produktion, Songwriting und Melodiestruktur sollten zugleich unmissverständlich U2 sein.“

U2 Songs Of Experience CoverDas hat funktioniert. Wieder hat die Band mit einer Vielzahl von Produzenten gearbeitet, die mal dem Pop, mal dem Rock und auch mal dem HipHop zugeneigt sind, mit von der Partie sind Jacknife Lee, Ryan Tedder, Steve Lillywhite, Andy Barlow und Jolyon Thomas. Und während man schrieb und aufnahm und zwischendurch die große Welttournee zum 30-jährigen Jubiläum des ‚The Joshua Tree‘-Albums absolvierte, verfinsterte sich die weltpolitische Gesamtsituation zusehends, und diese Entwicklung habe man aufnehmen wollen in die Lieder. So überarbeitete man zum Beispiel „The Blackout“, eine musikalisch total lustige, tanztaugliche Disconummer, textlich jedoch die Geschichte „einer persönlichen Apokalypse, die sich zur politischen Dystopie ausweitet.“

Und dennoch: Die Liebe bildet das thematische Herz dieses Albums. Mit „Love Is All We Have Left“ beginnt die Platte auf stille, akustische, zu Herzen gehende Weise. „This is not the time not to be alive“, singt Bono, und man ist gerührt. Auch das finale „13 (There Is A Light”) klingt zart und zärtlich, aber etwas hymnischer. Dazwischen spielt sich eine Menge ab. Gitarre, Bass und Schlagzeug erklingen wieder ruppiger und kantiger als auf ‚Songs Of Innocence‘, speziell „Lights Of Home“ lässt die Gitarren schnarren, während Drummer Mullen jr. auf „American Soul“ ordentlich Druck macht und sich Bassist Clayton auf „Red Flag Day“ austoben darf. Und klar ist auch, dass es ohne Anti-Trump-Wut nicht geht. „Wäre komisch gewesen, wenn wir Trump ignoriert hätten“, sagt The Edge, und so bekommt der US-Präsident im Text von „American Soul“ ein paar kräftige Hiebe in die Seite, die sich im Nachhinein fast wie eine Selbstanzeige Bonos aufgrund seines jüngst zutage getretenen Steuervermeidungsverhaltens lesen. „Blessed are the liars because the truth can be awkward“, singt er etwa, auch die Zeile „I lie for a living“ („Ich bin ein Lügner von Beruf“) aus „The Showman“ liest sich neuerdings nicht mehr zwingend wie ein Angriff auf Donald Trump und seine Halbdespoten-Konsorten. Musikalisch ist der Song schön funky bis sexy, alte Fans könnten sich an „New Year‘s Day“ erinnert fühlen.

Aber es gibt natürlich auch einige große Balladen. „The Little Things That Give You Away“ ist ruhig und erhaben und schön, zugleich geht Bono hier erneut recht kritisch mit sich ins Gericht und wird sehr persönlich („my thoughts are so reckless/my innocence has died“). „Landlady“ ist hübsch und intim, während „Love Is Bigger Than Anything In Its Way“ mit großen Chören das U2-hymnigste aller neuen Lieder ist. Richtig poppig werden sie – so man vom eingängigen „You’re The Best Thing About Me“ absieht – nur einmal: „Summer Of Love“ erinnert ein wenig an einen Robin-Schulz-Hit, aber dafür geht es hier inhaltlich umso tiefer – Bono singt über einen Kleingärtner in Aleppo, der sich trotz widrigster Umstände nicht unterkriegen lässt. Vielleicht aber singt Bono auch ein bisschen über sich selbst.

 

U2 – Songs Of Experience (Island/Universal) 2LP (ltd. blue vinyl) 5797704 / Ltd. Extra Deluxe Box (3P) 5797705 / Deluxe Edition (CD) 5797700 / CD 5797699 // ab 01.12.2017 im Handel