Tocotronic // Die Unendlichkeit

Tocotronic (Foto: Michael Petersohn)

Tocotronic (Foto: Michael Petersohn)

ROCK Eine Platte mit durchweg persönlichen Songs? Bei der Band Tocotronic durchaus ungewöhnlich. Schließlich hat Sänger Dirk von Lowtzow stets behauptet: „Ich möchte niemanden mit meinem Privatleben belästigen.“ Andererseits hat sich ja bereits auf dem letzten, dem roten Album, in Lieder wie „Ich öffne mich“ Biografisches eingeschlichen. Anscheinend war das die Initialzündung dafür, die Zuhörer mit ,Die Unendlichkeit’ noch etwas näher an sich heranzulassen.

Tocotronic Die Unendlichkeit CoverMit diesem inhaltlichen Kurswechsel geht eine andere Sprache einher. Wo von Lowtzow früher mit Metaphern und Rätsellyrik einen Schutzwall zog, spricht er neuerdings Klartext. „Ein bisschen haben wir uns zuletzt sicherlich hinter Manifesten, Theorie-Referenzen und dem Formalismus versteckt“, räumt er ein.
Damit ist jetzt Schluss, wenn von Lowtzow in seinen Stücken einen Bogen von seiner Kindheit bis in die Gegenwart schlägt. Den Anfang macht der Titelsong „Die Unendlichkeit“, der wie ein Vorwort daherkommt. Da erzählt von Lowtzow von seiner Feigheit, von seiner Unentschiedenheit, von seinem Wunsch nach Veränderung. Sphärische Klänge untermalen seinen Gesang. Mit „Tapfer und grausam“ geht es in die Vergangenheit, als von Lowtzow ein kleiner Junge war. Schon damals wusste er offenbar, wie es sich anfühlte, ausgeschlossen zu sein. Wenn er von seinen Ängsten singt, klingt seine Stimme erstaunlich hell und jung. Genau wie bei der Nummer „Electric Guitar“, in der von Lowtzow davon berichtet, wie er seine Liebe zur Gitarre entdeckte. „Für mich war die Gitarre das erste Mittel der Subjektivierung“, erklärt er. „Vieles von dem, was für Tocotronic später wichtig werden sollte, wurde da schon angelegt.“

So gut wie mit diesem Instrument lief es in von Lowtzows Kindheit in der schwarzwäldischen Provinz indes nicht immer. „Hey du“ lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass er ein Mobbing-Opfer war. Die einen verspotteten ihn, die anderen drohten ihm Prügel an. So gesehen muss sein Umzug nach Hamburg, den der Titel „1993“ Revue passieren lässt, ein echter Befreiungsschlag für ihn gewesen sein. Ähnliches ließe sich wohl über den späteren Wechsel nach Berlin sagen. Immerhin gelang es von Lowtzow in dieser Metropole, eine beginnende Sucht in den Griff zu kriegen. Diese Episode hat er in „Ausgerechnet du hast mich gerettet“ verarbeitet, das von Streichern illuminiert wird.

Überhaupt haben sich Tocotronic diesmal unter der Regie von Moses Schneider musikalisch breiter als jemals zuvor aufgestellt. Bei „Ich würd’s dir sagen“ regiert die akustische Gitarre. Für „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ dürften Hüsker Dü Pate gestanden haben. Zugleich jault die Gitarre wie Mitte der Neunziger – angetrieben von Jan Müllers Bass und Arne Zanks Schlagzeug. In „Bis uns das Licht vertreibt“ steckt eine Huldigung der Gruppe Roxy Music. Ob Beatles-Anleihen, Orff’sches Schulwerk, Progressive Rock, Dub oder Achtzigerjahre-Gitarrenpop: Alles ist möglich. Dementsprechend gibt’s viel zu entdecken. Also Ohren auf!

 

Tocotronic – Die Unendlichkeit (Vertigo/Universal) 2LP 6713112 / Limit. Fanbox 6713110 / CD 6713111 // ab 26.01.2018 im Handel