Michael Wollny // Oslo & Wartburg

Michael Wollny (Foto: Jörg Steinmetz/ACT)

Michael Wollny (Foto: Jörg Steinmetz/ACT)

JAZZ Sich mit Michael Wollny zum Interview zu verabreden, ist gar nicht so leicht. Als gefragter Musiker bleibt der Jazzpianist selten lange an einem Ort, ist wegen seiner nicht wenigen Auftritte im In- und Ausland häufig auf Reisen. In diesem Jahr ist er zudem Artist in Residence beim Elbjazz in Hamburg, das will wohl präpariert sein. Auch eine Plattenaufnahme in Norwegen sowie ein Konzertmitschnitt in Eisenach haben ihn inklusive Vor- und Nachbereitung einiges an Zeit gekostet.

Michael Wollny Oslo CoverDieser Dauerstress würde wohl manchen aus der Bahn werfen – Michael Wollny, 39, blendet ihn während unseres Gesprächs einfach aus. Völlig entspannt lässt er die drei Tage Revue passieren, die er im Osloer Rainbow Studio verbrachte, um das Album ,Oslo’ einzuspielen. In den ersten beiden Tagen musizierte er mit dem Bassisten Christian Weber und dem Schlagzeuger Eric Schaefer, am dritten Tag stieß das Norwegian Wind Ensemble zum Michael Wollny Trio dazu. Da trafen dann plötzlich Jazzer auf klassische Musiker. Ein Wagnis, dem Wollny recht gelassen entgegen blickte. „Wir hatten ja zuvor schon einige Male gemeinsam auf der Bühne gestanden“, erzählt er. „Weil dieses Orchester seit ein paar Jahren an freier Improvisation arbeitet, wussten wir, dass wir den Musikern vorab so gut wie nichts notieren mussten.“
Diese Erkenntnis war ebenso hilfreich wie die Affinität der Jazzer zur Klassik. Für ihr neues Album haben sie nicht nur Hindemith’ „Interludium“ mit Barjazz-Elementen neu arrangiert, sondern auch Debussys „Nuits blanches“ mit perlenden Pianoklängen unterlegt. „Es hat uns gereizt, diese Kompositionen mit eigenen Worten nachzuerzählen“, sagt Wollny. Er sucht stets die Herausforderung, darum gibt es auf ,Oslo“ immer wieder Stimmungs- und Tempi-Wechsel. „Roses are black“ kommt als intime Ballade daher. Das stimmungsvolle „Perpetuum Mobile“ nimmt mehr Fahrt auf. „Make a Wish“ verströmt eine märchenhafte Atmosphäre.
Dieses Stück eröffnet ,Oslo’ und beendet den Konzertmitschnitt ,Wartburg’ aus Eisenach. „Eigentlich war ,Wartburg’ überhaupt nicht als Platte geplant“, gesteht Wollny. „Ich hatte ursprünglich die Idee, ein weiteres Projekt mit Emile Parisien auf die Beine zu stellen.“ Mit dem französischen Saxofonisten hatte der Pianist bereits Ende 2016 ganz spontan ein Konzert auf Schloss Elmau gegeben: „Wir riskierten eine Duo-Begegnung ohne Probe, die uns beiden viel Spaß gebracht hat.“ Deshalb lud Wollny Parisien als Gast nach Eisenach für ein paar Stücke mit seinem Trio ein. Für eine richtige Probe blieb wieder keine Zeit. Binnen 60 Minuten musste der Saal Michael Wollny Wartburg Covermikrofoniert und ein kurzer Soundcheck gemacht werden. Danach entwickelten sich das sphärische „White Blues“ oder das experimentierfreudige „Tektonik“ weitestgehend aus Improvisationen. Sie sind für Wollny das Salz in der Suppe: „Selbst wenn man versucht, Situationen vorzubereiten, entsteht am Ende doch meistens etwas anderes.“ Gerade diese Unvorhersehbarkeit reizt ihn: „Mit dem Beginn der Improvisation wird Musik für mich erst richtig spannend.“

 

Michael Wollny Trio – Oslo (ACT/edel) LP 1098631ACT / CD 1098632ACT // ab 23.03.2018 im Handel
Michael Wollny Trio – Wartburg (ACT/edel) LP 1098621ACT / CD 1098622ACT // ab 23.03.2018 im Handel