Gorillaz // The Now Now

Gorillaz (Foto: Jamie Hewlett)

Gorillaz (Foto: Jamie Hewlett)

POP Nur ein Jahr nach ‚Humanz‘ kommt mit ‚The Now Now‘ schon das nächste Werk der laut „Guinnessbuch der Rekorde“ offiziell „erfolgreichsten virtuellen Band der Welt“. Damon Albarn, der im März 50 gewordene und nichtsdestotrotz aus blauen Augen immer noch sehr schelmisch und jungenhaft dreinschauende (menschliche) Frontmann der vor 20 Jahren mit seinem Ex-WG-Mitbewohner und Comiczeichner Jamie Hewlett gegründeten Cartoonfigurenband, muss erst mal Saft machen. Gorillaz The Now Now CoverWir treffen Albarn in dessen Dachgeschossbüro in einer gutbürgerlichen Gegend im Londoner Westen, der Raum ist voller Andenken und Auszeichnungen aller Art, in der Küchenzeile wirft er Sellerie, Rote Bete, Karotte, Apfel und Ingwer in ein Gerät, das tösend alles zerhäckselt und ein leckeres, wenn auch sehr scharf nach Ingwer schmeckendes Gebräu fabriziert. Smoothietechnisch erfrischt, stellt Albarn sich die naheliegende Frage gleich selbst. „Warum schon wieder ein neues Gorillaz-Album? Weil wir auch in diesem Jahr wieder sehr viel auf Tour sind, und ich unbedingt neue Songs haben wollte, die ich dann spielen kann.“ So einfach ist das.

Wer nun jedoch fürchtet, dass ‚The Now Now‘ bloß Aufguss oder Abklatsch von ‚Humanz‘ ist, liegt kolossal falsch: Unterschiedlicher könnten die Werke nicht sein, und das liegt bestimmt nicht nur daran, dass der virtuelle Bassist Murdoc Niccals derzeit in Guatemala im Gefängnis sitzt, ihm werde laut Albarn „Menschenschmuggel“ vorgeworfen, ersetzt wird er von Ace, wodurch die Gorillaz-Frauenquote jetzt 50 Prozent beträgt. War ‚Humanz‘ fast schon eine Allstars-Ansammlung von einem Album, so ist ‚The Now Now‘ weitaus kompakter. Deutlichste Änderung: Albarn singt auf den elf Liedern fast durchgängig selbst. „Wenn ich allein bin, arbeite ich konzentrierter und schneller. Irgendwie ist es auch lockerer. ‚The Now Now‘ aufzunehmen, war fast wie ein Urlaub für mich.“ Lediglich Snoop Dogg („Hollywood“) und Soul-Legende George Benson („Humility“) greifen ihm gastgesanglich unter die Arme.

Passend zum Titel klingt das vorwiegend auf der Tour 2017 komponierte ‚The Now Now‘ (die Songs heißen etwa „Kansas“, „Idaho“ und „Lake Zurich“, benannt nach ihrem Entstehungsort, ungemein zeitgemäß, Albarn vereint Funk, Dance, Elektro, Pop und House zu einem fokussierten und überwiegend zum Tanz einladenden Ganzen. Auffällig: Musikalisch ist das Album über weite Strecken erhebend und vordergründig heiter, etwa im Groove-starken und in Richtung Gospel zielenden „Kansas“ oder dem housig-poppigen „Lake Zurich“. „Idaho“ ist eine lustige, bekifft klingende Hiphop-Ballade. Damons Texte hingegen zeichnen ein melancholischeres Bild, mit dem Satz „Calling the world from isolation“ beginnt die Platte. Inhaltlich ist ‚The Now Now‘ eine besorgt-trotzige Sicht auf die Welt aus dem Blickwinkel eines überzeugten Kosmopoliten und Netzwerkers. „Wir dürfen nicht zulassen, dass der Zusammenhalt immer weiter schwindet“, fordert er. „Wenn es uns gelingt, gemeinsam gegen die Probleme anzugehen, bin ich hinsichtlich unserer Zukunft weiter guter Hoffnung.“

 

Gorillaz – The Now Now (Parlophone/Warner) LP 9029564342 / Deluxe Box (LP) 9029564341 / CD 9029564343 // ab 29.06.2018 im Handel