Coldplay // Everyday Life

Coldplay (Foto: Tim Saccenti)

ROCK Erfrischend altmodisch haben Coldplay ihr achtes Album angekündigt, das ‚Everyday Life‘ heißt und dessen eigenständige Hälften „Sunrise“ und „Sunset“ ein großes Ganzes ergeben: Erst klebten sie kryptische Vintage-Poster in mehreren Metropolen weltweit auf, dann schickten sie handgeschriebene Briefe an die Fanklub-Mitglieder, und schließlich veröffentlichten sie das Tracklisting in den Kleinanzeigenteilen zahlreicher Lokalzeitungen.

Keine Frage: 23 Jahre nach Bandgründung am University College London und 19 Jahre nach Veröffentlichung des Debütalbums ‚Parachutes‘, mit dem sie die Herzen von Millionen von Liebhabern melancholischer Mehr-oder-weniger-Indie-Pop-Musik eroberten, können Chris Martin, Jonny Buckland, Guy Berryman und Will Champion tun und lassen, was sie wollen. Nachdem sie mit dem ultra-kommerziellen und musikalisch euphorischen ‚A Head Full Of Dreams‘-Album (inklusive Beyoncé-Duett) einen zweiten Frühling erlebten und zwei Jahre lang Stadien rund um den Globus ausverkauften, haben sich die Jungs von allen Vermarktungszwängen frei gestrampelt und präsentieren dieses bemerkenswerte Doppelalbum, auf dem wirklich die Kunst im Vordergrund steht und nicht der Hit. „Man tut uns kein Unrecht, wenn man uns als Weltbürger bezeichnet“, so sagt Frontmann Chris Martin (42), „und ganz gleich, wo ich auf der Welt bin, lasse ich mich immer von meiner Umgebung inspirieren und nehme alles, was mir gefällt und was mich bewegt, mit dem Handy auf. So haben viele Rhythmen, Einflüsse und klangliche Fragmente Einzug in diese Songs gehalten.“ Etwa auf „Arabesque“, einer der vorab veröffentlichten Singles. Der belgische Rapper und Elektro-Musiker Stromae ist auf der Nummer (in französischer Sprache) zu hören, außerdem, so Martin stolz, „sind drei Generationen von Kuti-Männern dabei“. Von der nigerianischen World-Music-Legende Fela Kuti stammt das Sample „Music Is The Weapon Of The Future“, dessen Sohn Fema Kuti spielt Trompete, und auch Femas Sohn Made Kuti ist mit von der Partie. Im Vergleich zugänglicher und konventioneller wirkt „Orphans“, das von den Freuden des Heimkommens und des Trinkens mit Freunden handelt und mit seinem „Uhhuhhh“ gar nicht mal so dezent an „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones erinnert. „Der Song handelt vom Menschsein als solchem“, so Martin. „Jeder einzelne Tag ist ein Triumph und ein Desaster, ein Segen und ein Fluch.“ Laut Chris Martin sei ‚Everyday Life‘ auch eine Reaktion auf die „von vielen so empfundene Negativität in der Welt. Ja, es gibt Probleme, aber es gibt noch viel mehr Großartiges und Positives. Überall um uns herum ist Leben, überall passieren tolle Dinge.“ Ganz bei sich und vom Stil her so wie in der Anfangsphase klingen Coldplay im Titelsong. „Everyday Life“ ist eine ruhige, schlichte, sich im Verlauf erhebende Pianoballade mit dem Refrain „Cause everyone hurts/ Everyone cries/ Everyone tells each other all kinds of lies“. Martin: „Ich bin kein wütender Mensch. Im Gegenteil, ich habe in den letzten Jahren meinen Frieden gemacht. Ich halte Einstellungen und Haltungen aus, mit denen ich persönlich nicht übereinstimme. Aber genauso wenig habe ich Angst, mich zu meinen eigenen Gefühlen zu bekennen. Wir müssen als Band nicht mehr groß über unsere Karriere nachdenken, können sehr offen sprechen und alle Farben des Lebens zum Strahlen bringen.“

 

Coldplay – Everyday Life (Parlophone/Warner) 2LP 9029535548 / CD 9029533783 // ab 22.11.2019 im Handel